"Wir tanzen auf dem Hochseil"

20.07.2018/SWP Ehingen (Renate Emmenlauer)

Um den Herausforderungen des Lebens und dem rasanten Wandel standzuhalten, müssen Kinder stark gemacht werden. Dies stellte Dr. Herbert Renz-Polster, Referent bei der Preisverleihung zur Aktion „Bildung stärken“ in der Raiffeisenbank klar. „Wir Menschen sind die Krone der Schöpfung“, sagte der Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor und nahm auf die Krone als Markenzeichen der Raiffeisenbank Ehingen-Hochsträß Bezug.

Obwohl der Mensch das intelligenteste Lebewesen sei, finde man im Neugeborenen den unreifsten Nachwuchs auf der Erde. „Sie können noch nicht mal den Kopf alleine halten, müssen an die Brust gelegt werden und können erst im Kleinkindalter gehen. Da haben ihnen die Tiere vieles voraus“, sagte  Renz-Polster.

Laut Prognosen gebe es in 20 Jahren die Hälfte aller jetzigen Berufsfelder und Arbeitsplätze nicht mehr, dafür aber neue Jobs, die man heute noch nicht kennt. „Wir tanzen quasi auf dem Hochseil und unsere Kinder tanzen mit.“ Der Experte riet, je offener die Kinder auf das Neuland der Zukunft vorbereitet werden, desto besser kommen sie zurecht. Die besten Voraussetzungen der Kinder seien die kindliche Neugier, ihre offenen Augen für Neues und ihre Aufnahmebereitschaft. „Unterstützen Sie die Kreativität und den Mut Ihrer Kinder. Nur mutige Kinder können beim Erwachsenwerden mit sich und den anderen klar kommen.“

Kinder stehen zu sich selbst

Größter Schatz der Kindheit sei, dass Kinder zu sich stehen, sich annehmen und dies auch von anderen fordern. Darin müsse man sie stärken, aber nicht überfordern. Man sollte den Kindern vor allem Selbstbewusstsein vermitteln, indem man ihnen nicht alles abnimmt, sondern ihnen mehr zutraut. „Kinder müssen selbst stark werden. Sie müssen die Schätze des Lebens selbst heben und auch die Niederlagen erleben.“ An der langen Leine lassen bedeute aber nicht, dass Kinder keine Beziehung bräuchten. „Unsere Kinder brauchen eine Heimat, damit sie die Balance des Lebens schaffen.“

Stress werfe Kinder meistens aus der Bahn. „Gestresste Kinder können nicht lernen. Es ist, als wenn sie eine Teflonschicht auf sich haben“, betonte Renz-Polster, der als Vater von vier Kindern aus Erfahrung spricht. Wohlfühlen und Geborgensein bringe eine enorm wichtige Sicherheit. Die viel gepriesene Lehrbuch-Pädagogik leiste dies alles nicht.

Er setze vielmehr auf Elementarpädagogik, die viel mit Fundament und Persönlichkeit zu tun habe. Und genau das passe zur  Aktion „Bildung stärken“. Dies sei „gelebte Bildung“, lobte Herbert Renz-Polster. Als Forschungsthema behandelt der Wissenschaftler, der im Raum Ravensburg lebt, aktuell den „abgeplatteten Hinterkopf der Säuglinge“.

Dr. Herbert Renz-Polster sprach darüber, was Kinder stark macht . © Foto: Emmenlauer